Kurts 1662 Tage

– ein Tagebuch aus dem 1. Weltkrieg

Herrliches Maienwetter! Wir bedecken unser Haus mit frischer Pappe. Ich sehe den ersten Maikafer. Abends gehe ich mit Knorr nach der Wettinhöhe, wo wir einen Barren entdecken, an dem wir turnen. Ich steige auf einen etwa 25m hohen Baum, der als Art.-Beobachtungsposten eingerichtet ist.
Hier habe ich einen schönen Überblick über die heißumstrittene Höhe 542 mit ihrem braunen, granatenzerissenen Gipfel. Gespenstisch ragen die Stümpfe des abgeschossenen Waldes empor. Rechts sieht man die Wiese von Allencombe im saftige Grün und am jenseitigen Waldrand die Linie der ersten französischen Allencombestellung. Am Nachmittag hört man sehr häufig das Summen der Flieger und ihre Beschießung. Im Allgemeinen herrscht aber seltene Ruhe. In der Leipziger
Abendzeitung vom 15.5. stehen recht günstige Meldungen über Friedensaussichten. Gebe Gott, daß es nicht bei Gerüchten bliebe! Ein Württembergischer Landsturmpionier (46 Jahre alt) zeigt uns, daß an den Felsen in unserer Umgebung viel Süßholz wächst. Es wird aber in diesem Klima nicht sehr groß. Ich erfahre dabei das erste mal, daß das Süßholz von der Wurzel der Pflanze kommt. Wie wir uns überzeugen, schmeckt es in frischem Zustande bittersüß.

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