Kurts 1662 Tage

– ein Tagebuch aus dem 1. Weltkrieg

Ein prachtvoller, aber trotz Sonnenschein kalter Frühlingstag. Am Vormittag erledige ich alle dringenden Arbeiten und fahre nachm. 2:0 mit dem Lebensmittelzug nach Cirey durch das an landschaftlicher Schönheit so reiche Fourcheautal. In Val werden 2 Wagen
angehängt, in denen die beim Bahnbau verwendeten, Kriegsgefangenen Russen in ihr Nachtquartier nach Cirey zurückfahren. In Cirey gehe ich wiedereinmal baden. Ein Genuß den man erst durch lange Entbehrung wie im Kriege so hoch schätzen lernt. Durch einen Bummel durch die altbekannten Straßen erwecke ich manche alte gute Erinnerung an die Vorpostenzeit von Cirey. Ein herrlicher blauer Himmel wölbt sich über der altbekannten Landschaft. Verlassen liegen die einstmals von der Komp. gebauten Schützengräben mit Drahtverhäun. In den Gärten u. auf den Feldern sieht man die
Einwohner bei friedlicher Landkultur. Die Obstbäume leuchten im ersten Blütenweiß. Über den Höhen bei La Vigne schwebt ein deutscher Fesselballon, in der Richtung über Parux sieht man den französischen Partner, auf dem Bahnhof herrscht reges Leben, nichts erinnert mehr an die dortige Ruhe Ende 1914. Wo bei unserem Einzug in Cirey gewältige Bretterberge [??] lagerten, sieht man jetzt Sammelplätze von Lumpen, Knochen, [??] Blechbüchsen usw. Ich treffe einige Cottaer darunter auch den kleinen
Breyer von unserer Straße. Er ist mir nun seit der Kinderzeit bekannt, trotzdem treffen wir uns jetzt das erstemal. Er ist seit Anfang bei der Division als Trainfahrer. Jetzt fährt er die Feldküche bei der 8./32. Nachdem ich mich in Cirey wiedereinmal um gesehen hatte wanderte ich nach Val. Dort faßte ich die Löhnung usw. (1833,-) und blieb bei den Lebensmittelwagen. Man hört lebhaftes Krachen von Handgranaten, die 32er werden ausgebildet.

2 Antworten zu „Montag, den 10. April 1916“

  1. Avatar von Andreas
    Andreas

    Die „Bretterberge“ von Ende 1914 waren auf Vorrat geschnittene Bohlen, die zur Ausschalung der damals erstmals angelegten Grabensysteme dienten, sie stabilisierten die Seitenwände und den Boden der Gräben, indem sie das Erdreich am Nachrutschen hinderten und am Boden einer vorzeitigen Verschlammung der Laufwege vorbeugten. Letzteres gelang jedoch nur unzureichend, vor allem in den regenreichen Jahreszeiten.

    Bei den zu sammelnden „Knochen“ handelte es sich selbstverständlich nicht, wie man vermuten könnte, um die Überreste von Gefallenen, sondern um Tierknochen, die aus den Feldküchen, aber auch von den damals ja noch häufig verwendeten Zugtieren stammten. Dazu ein Zitat aus der „NTM Zeitschrift für Geschichte der Wissenschaften, Technik und Medizin“: „Knochen waren im 19. und frühen 20. Jahrhundert ein unverzichtbarer, größtenteils importabhängiger Rohstoff der chemischen Industrie, die daraus Düngemittel, Tierfutter, Leim, Gelatine, Seife und andere Produkte herstellte.“

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    1. Avatar von Juliane
      Juliane

      Die erwähnten Bretterberge von 1914 waren tatsächlich nicht für die Verwendung vor Ort sondern waren ein Rohstoff der aus Cirey weggebracht wurde. In dieser waldreichen Gegend lagerten in den Sägewerken noch Holzbestände die bei der Besetzung von der deutschen Armee beschlagnahmt und später weggeschafft wurden. Das wird in mehreren Einträgen erwähnt: zum Beispiel hier https://kurts1662tage.de/2024/12/21/montag-den-21-dezember-1914/

      Wie kommst du darauf man könnte vermuten es seien menschliche Knochen? Aus dem Kontext ist ja klar, das ist eine Aufzählung von Dingen die recycled und weiterverwendet werden sollen. Eben Lumpen, (Tier)knochen, und Blechdosen.
      Die Fragezeichen sind nicht im Text um ein Verständnisproblem anzuzeigen, sondern das es dort ein Problem mit der Transkription gibt und ich etwas raten musste was das Wort ist. Daher ist das Risiko das ein Fehler drin ist höher. Deshalb die eckigen Klammern mit Fragezeichen.

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