Kurts 1662 Tage

– ein Tagebuch aus dem 1. Weltkrieg

Ein schöner Maiensonntag, völlige Ruhe im Gelände. Nur am Morgen wird ein Flieger beschossen. Am Abend geht der Feldwebel mit Burger nach Val, sodaß ich mich allein in der Waldhütte befinde. Gefr. Riedel von der 2./23 malt unsere Behausung. Ich benutze die Ungestörtheit, um im folgendem zu schildern, wie wir nun schon seit langem die Tage verbringen. Morgens, wenn das Tageslicht durch die Scheiben in unsere Blockhütte fällt, wird an die Uhr gesehen. Ist es 1/2 7:0 oder gar später so wird das den Verhältnissen entsprechend sehr schöne Lager (Matraze) rasch verlassen Nach schnellem Ankleiden gehts hinaus in die frische Waldluft. Vor unserer Villa befindet sich ein Tümpel, in welchen sich ein Waldbächlein vorübergehend ansammelt. Dort schöpft man mit dem zur Wohnungsausstattung gehörenden Holzkübel das klare Bergwasser und macht sich über die Morgenwäsche. Nachdem man durch erquickendes Abreiben von Kopf und Brust den letzten Schlaf verscheucht hat, werden die Matrazen hoch gestellt, die Stube ausgekehrt und einige Frühmeldungen geschrieben. Inzwischen
kommt Rieger-Berthold, welcher diese Meldungen weiterbefördert. Er versorgt außerdem den Regimentsund Bataillonsstab mit Lebensmitteln. Ehe Rieger abgefertigt ist, kommt gewöhnlich Gätteritz welcher in Angomont schläft und den Kaffee mitbringt. Dieser wird jetzt in aller Ruhe getrunken. Dann beginnt die Arbeit. Ich erledige den laufenden Kram, Burger sortiert, stempelt und versorgt abgehende Post, während der Feldwebel dem zusieht. Bis zum Mittag müssen alle Sachen zur Unterschrift fertig sein, weil nun der Feldwebel hinaus nach der Stellung zum Kompagnieführer geht. Während der Abwesenheit, das Feldwebels gehe ich nach Angomont, zu den Schuhmachern, welche uns zur Zeit das Mittagessen zubereiten, weil die Feldküche in Anbetracht dessen, daß wir ca 280 Mann verpflegen, nicht gut ausreicht. Wir fahren dabei nicht schlecht, dann die Schuhmacher verstehen sich gut auf’s braten und oft ist das Essen wie zu Hause am Sonntag. Bald wirds allerdings anders, denn wenn Angomont geräumt werden muß, gehen die Schuhmacher nach Val. Nach dem Mittagessen wird noch einige Zeit gewartet, dann geht’s wieder hinab in die Waldeinsamkeit, wo die Arbeit unserer harrt. 1/2 6 Uhr geht Burger an die Wegespinne [??] zum Postfassen. Nach
seiner Rückkehr, etwa 7°, wird den Nachrichten aus der lieben Heimat erst einmal alle Aufmerksamkeit geschenkt. Die von Daheim oder vom Kollegen Naumann gesandten Zeitungen werden erst auf das neuste durchsucht, dann geht es aus Öffnen etwa eingegangener Paketchen, nachdem selbstverständlich zuerst der Inhalt der angekommenen Briefe oder Karten gelesen ist. Ist die Post geöffnet und übersehen, geht’s noch einmal an die Arbeit, um etwa dringendes zu erledigen oder begonnenes abzuschließen. Etwa 1/2 8-8 wird Feierabend gemacht. Nach dem Abendbrotessen geht’s oftmals noch nach Angomont, um dort mit dem Lebensmittelwagen die Schreibereien von und in die Kassenverwaltung zu empfangen oder abzugeben. Bei Der Feldküche ergötzt man, sich in der Wartezeit an deren Spielen. Selbstverständlich gebietet es die Moral, daß man nur Zuschauer bleibt, denn wieder sind, die Kameraden nicht davon abzubringen 17+4 zu spielen. Nachdem auch die Lebensmittelwagen bei Einbruch der Dunkelheit erschienen sind, geht’s zurück in den Schatten das gespenstisch schwarzen Waldes. Ab und zu, erschallt ein G. Schuß durch die nächtliche Ruhe, seltener das Donnern der Geschütze. Daheim in der Waldvilla geht’s hurtig wieder auf die Matraze, wo man einem neuen gleichartig verlaufenden Tage entgegen schlummert. Die etwaige Angst wäre zwecklos, denn in dem beinahe unmöglich erscheinenden Falle eines feindl. Durchbruchs, könnten wir unsere Wertsachen, doch nicht fort und in Sicherheit bringen, wir müßten sie verbrennen.

Eine Antwort zu „Montag, den 30. Mai 1915“

  1. […] Im Frühjahr 1915 lernte Kurt die Region besser kennen auf zahlreichen Botengängen zwischen verschiedenen Dörfern. Ab Ende Februar 1915 war er dann im Wald in der Nähe des Dorfes Angomont. Dort verlaufen die deutschen und Französischen Schützengräben recht nah beieinander. Mehr und mehr richten sich Kurt und seine Mitsoldaten im Wald ein. Eine Holzhütte wird als Schreibstube errichtet, in der Kurt nun täglich mit Lohnauszahlung, führen der Stammrolle, Post, und anderen Aufgaben eines Schreibers beschäftigt ist. Es stellt sich ein Frontalltag ein. […]

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