Kurts 1662 Tage

– ein Tagebuch aus dem 1. Weltkrieg

Früh 1/2 50 weckt mich der Feldwebel und beauftragt mich, die Komp. zu wecken. Tastend und dann und wann im Innern der belegten Scheunen und Häuser mit der Taschenlampe leuchtend führte ich diesen Befehl aus und war froh, trotz des vielen Stolperns noch mit heilen Gliedern weggekommen zu sein. Als ich kurz vor 3/4 50 zurückkehrte, war Befehl zum sofortigen Abmarsch eingetroffen, sodaß ich alle Quartiere nochmals durcheile und dies ansage. Um 50 stand auch die Mehrzahl bereit, aber die neuen Ersatzleute aus Zittau nahmen sich Zeit und kamen mit einzelnen Grenadieren zu spät. Dem erzürnten Komp. Führer wurde als Grund, zu wenig Zeit angegeben, worauf dieser wütend nach dem Wecker rief. Dies war ich und als Folge fasse ich die erste Nase in diesem Kriege. Dabei war ich unschuldig und büßte für meinen Feldwebel, dieser wollte den Leuten etwas mehr Ruhe gönnen und ließ anstatt um 40 um 50 wecken. Er dachte, es würde wie gestern abmarschiert. Ich durfte selbstverständlich nichts sagen und machte den Sünder. Der Hauptmann wollte mich zum Frontdienst verwenden, wenn es nochmals vorkommen sollte, damit ich merke,
wie es ist, ohne Kaffee abzurücken. Heute wurde nicht weit marschiert, es ging in das rechts von Badonviller liegende Neuviller, wo das Batl. mit der Bagage hinter den Häusern in Deckung halt machte. Mittags rückte die 1. Kompagnie als Vorposten in den Wald. Die Gefechtsbagage bleibt mit dem Batl. im Ort. In einem niedrigen Hause erledigen wir heute viele dringende Arbeiten. Unter anderem den Lohnungsrapport für August welcher wegen der zahlreichen Verluste recht schwierig wird, zumal wir in dem damaligen Betrieb nur dürftige Unterlagen sammeln konnten. Um 90 vormittag erlebte ich eine ergreifende Zene. Ein Gardereiter, hatte gestern den Heldentod fürs Vaterland
gefunden und wurde auf dem Friedhofe rechts der Kirche beerdigt. Es war eine schlichte, ernste aber eindrucksvolle Feier, hinter dem rohen Brettersarg ging der Brigadekommandeur Excellenz von Hennig, ihm folgten mehrere Offiziere, Unteroffiziere und viele Mannschaften, sodaß der kleine Friedhof nicht alle bergen konnte. Nach der ergreifenden Grabrede des Divisionspfarrers, hielt der General eine die Lebenden zu neuen Taten hinreißende Nachrede und dann hieß es Helm ab zum Gebet. Schweigend gingen die in den Kriegswochen im Aussehen verwilderten Krieger auseinander. Konnte nicht jeder der nächste sein? Von weiter hatten sich auch viele Ortseinwohner, eingefunden, was mochten sie über dieses deutsche Barbarentum denken. Abends, nach Eintritt der Dunkelheit kommen die Lebensmittelwagen. Mit diesen fahren wir dann wieder zurück während der Lebensmittelabgabe knallt neben uns ein Schuß dem Feldw. Winkler bald zum Opfer gefallen wäre. Ein Artillerist hatte seinen Karabiner nicht gesichert, wodurch leicht ein Unglück geschah. Morgens 20 kommen wir nach Frémonville, wo wir in einer Scheune noch einige Stunden ruhen.

3 Antworten zu „Donnerstag, den 24. September 1914“

  1. Avatar von Norbert Kriechhammer
    Norbert Kriechhammer

    Hallo geschätzte Urenkelinnen, ich lese nun begeistert jeden Tag das Tagebuch, nicht nur aus historischem, sondern auch linguistischem Interesse. Heute findet sich im Eintrag die Redewendung „Dies war ich und als Folge fasse ich die erste Nase in diesem Kriege.“

    Dazu finde ich nichts im Internet und als Österreicher ist es mir vielleicht einfach regional nicht geläufig. Gibt es die Redewendung heute noch in eurer Gegend, oder wisst ihr, was sie bedeutet?

    Beste Grüße und danke für euer Engagement mit diesem Tagebuch!

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  2. Avatar von Juliane
    Juliane

    Danke fürs aufmerksame Lesen! Über die Formulierung bin ich auch gestolpert. Die habe ich so auch noch nie gehört. Ich befürchte es könnte ein Fehler der automatischen Transkription sein, kann aber auch nach längerem selber drauf starren keine bessere Interpretation finden. Vielleicht sollte ich für diesen Abschnitt die Handschrift mal hier posten und dann schauen wir mal ob es jemand besser lesen kann. Sollte es kein Transkriptionsfehler sein, dann ist es vielleicht eine alte militärische Wendung? Aus dem Kontext ist klar dass er Ärger bekam, aber ob die „Nase“ auf körperliche Strafe, eine Markierung, oder einfach nur Tadel hinweist ist mir völlig unklar.

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    1. Avatar von Norbert
      Norbert

      Vielleicht findet sich noch ein anderer Leser, der mehr dazu weiß, oder unser Kurt fasst im Kriegsverlauf noch mehrere „Nasen“ und spricht womöglich mehr über deren Konsequenzen, so dass sich ein besseres Bild ergibt. Danke jedenfalls für die Antwort, ich bleibe gespannt!

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