Kurts 1662 Tage

– ein Tagebuch aus dem 1. Weltkrieg

630 früh erwachten wir erschrocken über die fremde Umgebung, denn bei dem Schlafen im Federbett waren wir im Traum in die liebe Heimat versetzt worden. In Erkennung der wahren Sachlage machten wir uns auf den Weg zum Bahnhof, wo wir faßten.

12 mittags erhielten wir Befehl nach Schirrgut zu fahren. Wir schlugen, den alten Weg nach Hochwald ein, ohne heute dort zu halten. Über Berg und Tal ging es weiter, von unserer Truppe, keine Spur. Der Gegner sollte den Rückzug angetreten haben. Bald
hatten wir die höchste fahrbare Höhe der hohen Vogesen erreicht. An einer Stelle fiel der Hang dicht links der Straße steil ab. Wir sahen, weit, weit unter uns wie Spielwaren aufgebaut, ein einer schönen Ebene viele Dörfer dahinter, wieder gewaltige Bergriesen, die Grenzberge Frankreichs.

Aus der Bewunderung über die gewaltige Schönheit der Natur riß mich jäh der Ruf meines Vordermanns „Tote Franzosen“. Und richtig, rechts und links der Straße lagen, 8 Leichen. Weiter vorn waren Zivilpersonen, damit beschäftigt, ihnen eine letzte Ruhestätte zu schaffen. Wir nahmen die Gewehre auf unseren Wagen, denn bei
der Gesinnung der Einwohner mußten wir damit rechnen, daß diese damit
bei Nacht auf uns schießen. Hatten sie doch schon oft durch Lichtsignale unsere
Artilleriestellungen verraten, auch in der Nacht aus den Wäldern geschossen.

Bei Eintritt der Dunkelheit erreichten wir Schirrgut. Früher ein einsames
Postamt, standen jetzt nur noch rauchende Trümmer. Ein Leutnant der hier in
Reserve liegenden Maschinengewehrkompagnie, ließ uns nicht weiter vor. Wir mußten die Nacht hier verbringen in 1000 in Höhe über dem Meeresspiegel. Hinter dicken Baumstämmen suchten wir uns Deckung, denn es bestand Gefahr, daß versprengte Franzosen vom etwa 50 m entfernten Waldrande herüber feuerten. Es wurden Posten aufgestellt.

Die Nacht war furchtbar kalt. Hinter einem Klotz legte ich mich in Mantel und Zeltbahn eingehüllt zur Ruhe, das Gewehr in Arm, jederzeit bereit mich zu verteidigen. Ich blieb nicht lange liegen. Der Wind wehte hier oben zu eisig, sodaß ich es vorzog, die Nacht zu wachen und durch beständiges Trampel mich warm zu halten. Um Mitternacht fielen hinter uns Schüsse, Bewohner sollten einen der folgenden Wagen angeschossen haben. Mit Freude begrüßte ich den neuen Tag, diese Nacht nach langem anstrengenden Marsch, frierend und ohne Schlaf war schrecklich.

2 Antworten zu „Sonntag, den 23. August 1914“

  1. […] 23. August 1914 verbrachte Kurt eine kalte Nacht auf dem Pass beim Forsthaus Schirrgut (heute Col de la […]

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  2. […] an: 19.8.14 Gefechte im Breuschtal, 20. – 22.8.14 Schlacht in den mittleren Vogesen, 23.8.– 14.9.14 Schlacht vor Naucy-Epinal usw. (wie früher). Gegen Abend werden die 4 Feldwebels […]

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