Die Friedensmanifestation der Berliner Arbeiterschaft.
Berliner Tageblatt und Handelszeitung, 29. 07. 1914, Morgenausgabe. Quelle: Staatsbibliothek Berlin. Link zum Onlinearchiv
Oesterreich-Ungarn hat, wi[e] wir gestern in den Abendstunden durch ein Extrablatt mitteilten, nunmehr eine offizielle Kriegserklärung an Serbien erlassen. Die militärischen Operationen, die an einzelnen Punkten wohl schon begonnen haben, dürften nun schneller fortschreiten. Bei der außerordentlichen Strenge, mit welcher die Depeschenzensur arbeitet, ist es indessen wahrscheinlich, daß man die Tatsachen erst erfahren wird, wenn sie vollendete Tatsachen sein werden. Alles, was bisher über Zusammenstöße gemeldet worden ist, war entweder belanglos oder wenig glaubwürdig.
In manchen politischen Kreisen und vor allem in der Finanzwelt griff gestern nachmittag eine außerordentlich pessimistische Stimmung um sich. Diese Stimmung steigerte sich, als bekannt wurde, daß es an der Pariser Börse eine neue Deroute gegeben habe. Allerlei Gerüchte wurden kolportiert, man erzählte, daß der deutsche Gesandte in Belgrad, Herr v. Griesinger, ermordet worden sei, und versicherte, Frankreich habe drei Jahrgänge seiner Reserven einberufen. Das Gerücht von dem Gesandtenmorde war uns schon gestern vormittag zugetragen worden, und wir hatten festgestellt, daß die amtlichen Kreise in Berlin von einem solchen Ereignis, das ihnen hätte bekannt sein müssen, nichts wußten. Die Nachricht über die Einberufung der Reserven wird von französischer Seite dementiert, und es ist im übrigen natürlich klar, daß alle Großmächte, wenn sie auch nicht so schwerwiegende Maßregeln ergreifen, gegenwärtig Rüstungen vornehmen. Es ist zu erwarten, daß in den nächsten Tagen noch vielerlei phantastische Gerüchte auftauchen werden, und man wird gut tun, alle derartige Erzählungen mit einigem Skeptizismus entgegenzunehmen.
In Wahrheit lag gestern, außer der Kriegserklärung Oesterreichs, die ja nicht mehr überraschen konnte, nur eine neue Tatsache vor, die geeignet schien, die allgemein herrschende und nur allzu begreifliche Nervosität noch zu erhöhen. Die höflich ablehnende Haltung der deutschen Regierung gegenüber dem Greyschen Konferenzvorschlage wurde in sehr ungünstigem Sinne ausgelegt. Aber die deutsche Regierung läßt durch eine Note der „Kölnischen Zeitung“, die wir weiter unten wiedergeben, erklären, daß sie nur die Form der Konferenz für unpraktisch halte und daß sie, wie wir im gestrigen Abendblatt ausgeführt haben, eine direkte Einwirkung der Großmächte in Wien und Petersburg vorziehe. An einer solchen Vermittelung mitzuarbeiten, sei sie bereit. Und sie legt so viel Wert auf diese Darstellung ihrer Absichten, daß sie, gegenüber einer anders gearteten Meldung des Hirschschen Telegraphenbureaus, abends durch das Wolffsche Bureau noch folgendes konstatieren ließ:
„Hirschs Bureau verbreitet unter Berufung auf eine amtliche Ermächtigung eine Erklärung des Inhalts, Deutschland habe die englischen Vorschläge abgelehnt, da die deutsche Diplomatie es vorziehe, den Ereignissen ihren Lauf zu lassen. Wir stellen fest, daß das Hirschsche Bureau von keiner amtlichen Stelle zur Verbreitung einer derartigen Erklärung ermächtigt worden ist, und verweisen im übrigen auf die in Nr. 3391 unserer Ausgabe wiedergegebene Berliner Meldung der „Kölnischen Zeitung“.
Aus Petersburg, wo die Börse eine ziemlich feste Tendenz zeigte, ist keine Nachricht eingetroffen, die darauf hindeutete, daß die Krise akut geworden sei. Die russische Regierung hat eine amtliche Mitteilung erscheinen lassen, in welcher die Bevölkerung ersucht wird, die patriotischen Manifestationen einzustellen. Man liest in diesem Dokumente den Satz, daß die Regierung hoffe „dieser Ausdruck der Volksgefühle werde durchaus nicht eine Färbung von Mißgunst gegen Mächte annehmen, mit denen Rußland sich im Frieden befindet und mit denen es sich unverändert im Frieden zu befinden wünscht“. Am Schlusse heißt es, die russische Regierung „verharre auf der Wacht für die Würde und die Interessen Rußlands“. Ein Telegramm unseres Petersburger Korrespondenten, das wir nachstehend veröffentlichen, besagt, daß Rußland „die politische Lage mit großer Aufmerksamkeit verfolgen“ und seine militärischen Vorkehrungen nicht einstellen werde, “bis der Konflikt vollständig liquidiert ist“. Diese abwartende Ruhe kann natürlich so gedeutet werden, daß Rußland Zeit gewinnen will, um seine militärischen Maßregeln zu vervollständigen. Man kann ebenso gut auch annehmen, daß Rußland erst sehen will wie weit Oesterreich in seiner kriegerischen Aktion zu gehen gedenkt und was es schließlich, bei der Regelung der serbischen Angelegenheit, fordern wird. Jedenfalls kann man nur wiederholen, daß bisher nichts geschehen und nichts bekannt ist, was diejenigen, die eine politische Situation zu beurteilen verstehen, veranlassen müßte, auch die letzte Hoffnung aufzugeben. Diese Situation ist ungeheuer ernst, ein überraschendes, den Weltfrieden umstürzendes Eingreifen Rußlands ist in jeder Stunde möglich, aber wenn die ersten Kriegstage ohne einen solchen Eingriff vorübergehen und Zeit gewonnen werden kann, werden vielleicht neue Mittel, neue Vorschläge zur Verständigung sich in Wien und Petersburg geltend machen.
Die arbeitende Bevölkerung Berlins hat gestern eine Kundgebung für den Frieden veranstaltet, die auf alle, die ihr ohne Voreingenommenheit beiwohnten, einen starken Eindruck gemacht hat. Wir lieben die Straßenkundgebungen in Augenblicken internationaler Konflikte nicht sehr, aber wenn die jugendlichen Kriegsenthusiasten ihre Ansicht auf der Straße laut äußern dürfen, so dürfen schließlich auch diejenigen, die im Völkerfrieden mit Recht ein unschätzbares Glück sehen und sich eine klare Vorstellung von dem entsetzlichen Jammer des Krieges machen, das gleiche tun. Die Polizei hat denn auch, vielleicht mit einigen Ausnahmen, die gewaltige Massenkundgebung nicht durch übertriebene Härte gestört, und die enorme Schaar der Manifestanten konnte frei den Wunsch äußern, der nicht nur von ihnen, sondern fast von dem ganzen deutschen Volke gehegt wird: den dringenden Wunsch, den Frieden erhalten zu sehen. Allerdings, auch diese Kundgebung kann den Gang der Ereignisse nicht wesentlich beeinflussen und wir können nur wiederholen, daß in einem Augenblick, wo man vor fertigen Tatsachen steht, eine ruhige Festigkeit wohl noch am besten zur Wahrung des bedrohten Friedens dienen kann. Aber das deutsche Volk, dem ein Krieg so viel Elend bringen müßte, darf von seiner Regierung und von allen, die in dieser schweren Stunde eine Verantwortung tragen, erwarten, daß bei aller Festigkeit doch kein irgend mögliches Mittel zur Abwendung der Gefahr ungenutzt gelassen wird — und wir hegen die absolute Ueberzeugung, daß die deutsche Regierung dieser ernsten Pflicht in vollem Maße eingedenk ist.
Der Wortlaut der Kriegserklärung
Wien, 28. Juli
Eine Extraausgabe der offiziellen „Wiener Zeitung“ im amtlichen Teil enthält folgende Bekanntmachung: Kriegserklärung. Auf Grund Allerhöchster Entschließung Seiner K. und K. apostolischen Majestät vom 28. Juli 1914 wurde heute an die königlich serbische Regierung eine in französischer Sprache abgefaßte Kriegserklärung gerichtet, welche in deutscher Uebersetzung folgendermaßen lautet: Da die königlich serbische Regierung die Note, welche ihr vom öster- reichisch-ungarischen Gesandten in Belgrad am 23. Juli 1914 übergeben worden war, nicht in befriedigender Weise beantwortet hat, so steht sich die K. und K. Regierung in die Notwendigkeit versetzt, selbst für die Wahrung ihrer Rechte und Interessen Sorge zu tragen und zu diesem Ende an die Gewalt der Waffen zu appellieren. Oesterreich-Ungarn betrachtet sich daher von diesem Augenblicke an als im Kriegszustand mit Serbien befindlich. Der österreichisch-ungarische Minister des Aeußern Graf Berchtold.
(Bereits gestern abend von uns durch Extrablatt verbreitet).
Die Notifizierung an die Mächte.
Wien 28. Juli.
Das Ministerium des Auswärtigen richtete heute an die hiesigen fremden diplomatischen Missionen eine Verbalnote, in der es die formelle Kriegserklärung an Serbien den diplomatischen Missionen zur Kenntnis bringt und erklärt, daß sich Oesterreich- Ungarn während der Feindseligkeiten, unter der Voraussetzung eines gleichartigen Vorgehens seitens Serbiens, an die Bestimmungen der Haager Konvention vom 18. Oktober 1907, sowie an die Bestimmungen der Londoner Deklaration vom 26. Februar 1909 halten wird. Die Missionen werden gebeten, diese Notifikation schleunigst ihren Regierungen mitzuteilen.
Ein Manifest des Kaisers Franz Josef.
Wien, 28. Juli.
Der Kaiser hat nachfolgendes Handschreiben und Manifest erlassen: „Lieber Graf Stürgkh! Ich habe Mich bestimmt gefunden, dem Minister Meines Hauses und des Aeußeren zu beauftragen, der königlich serbischen Regierung den Eintritt des Kriegszustandes zwischen der Monarchie und Serbien zu notifizieren. In dieser schicksalsschweren Stunde ist es Mir Bedürfnis. Mich an Meine geliebten Völler zu wenden. Ich beauftrage Sie daher, das anvertraute Manifest zur allgemeinen Verlautbarung zu bringen.
Bad Ischl, 28. Juli 1914. –Franz Josef m. p.“ Stürgkh, m. p.
An meine Völker! Es war mein sehnlichster Wunsch, die Jahre, die mir durch Gottes Gnade noch beschieden sind, Werken des Friedens zu weihen und meine Völker vor den schweren Opfern und Lasten des Krieges zu bewahren. Im Rate der Vorsehung ward es anders beschlossen. Die Umtriebe eines haßerfüllten Gegners zwingen mich zur Wahrung der Ehre meiner Monarchie, zum Schutze ihres Ansehens und ihrer Machtstellung, zur Sicherung ihres Besitzstandes nach langen Jahren des Friedens zum Schwert zu greifen. Mit rasch vergessendem Undank hat das Königreich Serbien, das von seinen ersten Anfängen seiner staatlichen Selbständigkeit bis in die neueste Zeit von meinen Vorfahren und mir gestützt und gefördert worden war, schon vor Jahren den Weg offener Feindseligkeit gegen Oesterreich-Ungarn betreten. Als ich nach drei Jahrzehnten segensvoller Friedensarbeit in Bosnien und der Herzegowina meine Herrscherrechte auf diese Länder erstreckte, hat diese meine Verfügung im Königreich Serbien, dessen Rechte in keiner Weise verletzt wurden, Ausbrüche zügelloser Leidenschaft und bittersten Haß hervorgerufen. Meine Regierung hat damals von dem schönen Vorrechte des Stärkeren Gebrauch gemacht und in äußerster Nachsicht und Milde von Serbien nur die Herabsetzung seines Heeres auf den Friedensstand und das Versprechen verlangt, in Hinkunft die Bahn des Friedens und der Freundschaft zu gehen. Von demselben Geist der Mäßigung geleitet, hat sich meine Regierung, als Serbien vor zwei Jahren im Kampf mit dem türkischen Reiche begriffen war, auf die Wahrung der wichtigsten Lebensbedingungen der Monarchie beschränkt. Dieser Haltung hatte Serbien in erster Linie die Erreichung des Kriegszweckes zu verdanken. Die Hoffnung, daß das serbische Königreich die Langmut und Friedensliebe meiner Regierung würdigen und sein Wort einlösen werde, hat sich nicht erfüllt. Immer höher lodernd der Hass gegen mich und mein Haus empor, immer unverhüllter tritt das Streben zutage, untrennbare Gebiete Oesterreich – Ungarns gewaltsam loszureisen. Ein verbrecherisches Treiben greift über die Grenze, um im Südosten der Monarchie die Grundlagen staatlicher Ordnung zu untergraben. Das Volk, dem ich in landesväterlicher Liebe meine volle Fürsorge zuwende, in seiner Treue zum Herrscherhause und zum Vaterlande wankend zu machen, die heranwachsende Jugend irrezuleiten und zu frevelhaften Taten des Wahnwitzes und des Hochverrates auszureizen. Eine Reihe von Mordanschlägen, eine planmäßig vorbereitete und durchgeführte Verschwörung, deren furchtbares Gelingen mich und meine treuen Völker ins Herz getroffen hat, bildet die weithin sichtbare blutige Spur jener geheimen Machenschaften, die von Serbien aus ins Werk gesetzt und geleitet wurden. Diesem unerträglichen Treiben muß Einhalt geboten, den unaufhörlichen Herausforderungen Serbiens ein Ende bereitet werden, soll die Ehre und Würde meiner Monarchie unverletzt erhalten und ihre staatliche, wirtschaftliche und militärische Entwicklung vor beständigen Erschütterungen bewahrt bleiben. Vergebens hat meine Regierung nicht einen letzten Versuch unternommen, dieses Ziel mit friedlichen Mitteln zu erreichen, Serbien durch eine ernste Mahnung zur Umkehr zu bewegen. Serbien hat die maßvollen und gerechten Forderungen meiner Regierung zurückgewiesen und es abgelehnt, jenen Pflichten nachzukonnnen, deren Erfülllung im Leben der Völker und Staaten die natürliche und notwendige Grundlage des Friedens bildet. So muss ich denn daran schreiten, mit Waffengewalt die unerlässlichen Bürgschaften zu schaffen, die meinen Staaten die Ruhe im Innern und den dauernden Frieden nach außen sichern sollen. In dieser ernsten Stunde bin ich mir der ganzen Tragweite meines Entschlusses und meiner Verantwortung vor dem Allmächtigen voll bewusst. Ich habe alles geprüft und erwogen. Mit ruhigem Gewissen betrete ich den Weg, den die Pflicht mir weist. Ich vertraue auf meine Völker, die sich in allen Stürmen stets in Einigkeit und Treue um meinen Thron geschart haben und für Ehre, Größe und Macht des Vaterlandes zu schwersten Opfern immer bereit waren. Ich vertraue auf Oesterreich-Ungarns tapfere und mit hingebungsvoller Begeisterung erfüllte Wehrmacht, und ich vertraue auf den Allmächtigen, daß er meinen Waffen den Sieg verleihen wird. Franz Josef. Stürgkh.
Die Haltung der deutschen Regierung.
(Telegramm unseres Korrespondenten.)
Paris 28. Juli.
Ein Beamter des Auswärtigen Amts in Berlin erklärte dem Berliner Vertreter des „Temps”, die Haltung Deutschlands habe sich nicht verändert. Die Nachricht, dass gewisse österreichische Kontingente in Serbien eingerückt seien, bestätige sich, aber man könne nicht glauben, daß Rußland militärisch intervenieren werde. Die militärischen Maßregeln, die Rußland ergreife, seien zweifellos auf die Initiative einiger Korpskommandanten zurückzuführen, die ohne direkten Befehl aus Petersburg gehandelt haben. Beim ersten Schritt Rußlands gegen Oesterreich werde die deutsche Armee die Verteidigung des Verbündeten übernehmen. Der Vorschlag Sir Edward Greys könne von Oesterreich-Ungarn nicht angenommen werden. Es sei unmöglich, daß eine europäische Konferenz eine österreichisch- serbische Angelegenheit regelt. Man würde dadurch zwei ungleiche Mächte auf ein und denselben Rang stellen. Die Arbeiten einer solchen Konferenz würden außerdem zu langsam vor sich gehen, um einer Beilegung des Konflikts nützlich zu sein. Der ,.Temps“ stellt noch einmal die Frage, ob Deutschland den Frieden oder den Krieg wolle. „Die Mächte“, sagt das Blatt, „haben nach den Erklärungen des englischen Ministers kein direktes Interesse an der serbischen Frage und sind deshalb qualifiziert, solidarisch zu handeln. Nimmt Deutschland diese Solidarität zur Erhaltung des Friedens an? Das ist die Frage. Serbien hat nachgegeben, wie niemals eine Nation es getan hat. (?) Die These ist also falsch, daß man Oesterreich zu einer Demütigung auffordert, wenn man es zu Verhandlungen einlädt. Wenn seine beiden Verbündeten zusammen mit Frankreich und England es zu einer friedlichen Regelung auffordern, so verhindert nichts, daß es diese Einladung annimmt, nichts als der absolute Wille zum Krieg. Existiert dieser Wille in Wien? Will man den Krieg in Berlin? Wenn der aufgezeiqnete Vorschlag Sir Edward Greys nicht angenommen wird, wird die ganze zivilisierte Welt antworten: Ja! Wir wollen die Hoffnung noch nicht aufgeben.“
Eine Pariser politische Persönlichkeit, die ich heute mittag nach dem Eindruck befragte, antwortete mir: „Der Eindruck ist schlecht. Wieder einmal verstehen wir das Vorgehen Deutschlands nicht. Deutschland hat den Schlüssel der Situation in Händen, aber es handelt nicht. Es läßt Zeit vergehen. Die Erklärung Deutschlands, daß es den Vorschlag Sir Edward Greys nur im Prinzip annehme, kommt einer Zurückweisung gleich und macht selbstverständlich auch das Vorgehen der anderen Mächte unmöglich. Aus allem gewinnt man hier die Überzeugung, daß Deutschland das militärische Vorgehen Oesterreichs unterstützt und billigt, und daß es sogar gegen eine territoriale Besetzung nichts einzuwenden hätte.“
Köln, 28. Juli (W.T.B.)
Die „Kölnische Zeitung“ meldet aus Berlin offiziös: Der Wunsch der Westmächte, durch rechtzeitig vermittelnde Einwirkung das Uebergreifen des österreichischen Streites mit Serbien auf das Verhältnis zwischen den Großmächten zu verhüten, wird von der deutschen Politik nicht nur in platonischer Weise gehegt, sondern das Berliner Kabinett ist bereits in mehr als einer Hauptstadt für die Zwecke einer den europäischen Frieden sichernden Vermittlung tätig gewesen. Man begrüßt es hier, daß jetzt durch die Initiative Sir Edward Greys der Vermittlungsgedanke amtliche Gestalt angenommen hat und öffentlich zur Erörterung gestellt ist. Es machen sich aber Zweifel darüber geltend, ob als Organ für die Vermittlung eine Konferenz von vier Großmächten das geeignetste Auskunftsmittel darstellt. Daß man die Einzelheiten des österreichisch-serbischen Streites, die lediglich diese beiden Staaten angehen, nicht vor das Forum einer Konferenz ziehen kann, darüber herrscht wohl allgemein Uebereinstimmung; aber auch was die rechtzeitige Beseitigung der zwischen Oesterreich-Ungarn und Rußland etwa aufkeimenden Schwierigkeiten betrifft, muss die Frage aufgeworfen werden, ob die Regierungen dieser beiden Mächte gewillt sind, eine Konferenz der vier anderen Großmächte mit einer amtlichen Vermittlung zu betrauen. Es scheint für das Gelingen der Vermittlung zweckmäßiger, wenn man die Mittel dafür möglichst einfach gestaltet und sich in unmittelbarem Verkehr mit den Hauptstädten der beteiligten Reiche der fortlaufenden diplomatischen Erörterungen und Einwirkungen bedient, um ein vermittelndes Vorgehen bis zu dem allseitig gewünschten Ergebnis durchzuführen. Bei Benutzung dieses Weges würde Deutschland es an der den Westmächten schon bewiesenen Mitwirkung auch weiterhin nicht fehlen lassen.
Wien, 28 Juli. (W.T.B.)
Die Erklärung Sir Edward Greys im Unterhause findet hier, wie in unterrichteten Kreisen verlautet, günstige Ausnahme, wie alle bisherigen Aeußerungen dieses Oesterreich-Ungarn sehr gut gesinnten Staatsmannes. Es sei logisch, daß in einer Frage, die Europa so stark bewege, alle Mächte daran dächten, den Weltfrieden zu erhalten. Diesen Zweck verfolge die Rede Greys, und da sein Vorschlag auch dahin aufzufassen sei, daß eine Lokalisierung der Angelegenheit zwischen Oesterreich- Ungarn und Serbien erreicht werden solle, so könne man dies hier nur mit Genugtuung begrüßen. Hinsichtlich des Passus in der Rede Greys betreffend die Einstellung aller aktiven militärischen Operationen bis zur Beendigung der vorgeschlagenen Konferenz gilt es als wahrscheinlich, daß der englische Vertreter mit diesem Ersuchen an die österreichisch-ungarische Regierung herantritt, doch fürchtet man, daß die Sache viel zu weit vorgeschritten ist, als daß die Operationen noch eingestellt werden könnten. Greys Ueberzeugung, daß die deutsche Regierung der Idee einer Vermittelung zwischen Oesterreich-Ungarn und Rußland im Prinzip günstig sei, bewege sich ganz auf der Linie, die Deutschland verfolge, nämlich die Lokalisierung des Streites zwischen Oesterreich-Ungarn und Serbien zu erreichen. Es sei übrigens vorläufig kein Grund, anzunehmen, daß die Lokalisierung nicht gelingen sollte.
Nach amtlicher Meldung hat der Reichskanzler Dr. v. Dethmann Hollweg gestern nachmittag den großbritannischen Botschafter Sir W. E. Goschen empfangen. — Der Kronprinz trifft heute früh aus Zoppot in Potsdam ein und nimmt im Marmorpalais Wohnung. Gestern ist, wie uns ein Privattelegramm aus Straßburg meldet, der Statthalter v. Dallwitz unter Abkürzung seines Urlaubs aus der Schweiz zurückgekehrt. Staatssekretär v. Rödern tritt seinen Urlaub vorläufig nicht an.
Eine angebliche Unterhaltung mit dem Prinzen Heinrich
(Telegramm unseres Korrespondenten.)
Hamburg, 28. Juli.
Auf der Rückreise von London kam Prinz Heinrich heute früh auf dem Altonaer Hauptbahnhof an. Ein Freund der „Neuen Hamburger Zeitung“ hatte Gelegenheit, sich mit dem Bruder des Kaisers über die politische Lage zu unterhalten. Prinz Heinrich erzählte, der Chefredakteur der „Morning Post“, der ihm von einem Kieler Besuch her bekannt ist, habe mitgeteilt, Kaiser Wilhelm sei mit dem französischen Präsidenten Poincaré in den nordischen Gewässern zusammengetroffen. Der Prinz äußerte sich dann über die Stimmung in England. Er habe zu seiner Freude in der englischen Bevölkerung eine sehr objektive und ruhige Auffassung der Lage feststellen können. Auf der Rückreise habe er in deutschen Kreisen überall eine gewaltige Begeisterung gemerkt. Das erfülle ihn mit Stolz. Aber die Kriegsstimmung habe auch ihre Bedenken. Das Volk dürfe nicht vergessen, wie schwere wirtschaftliche Folgen ein Weltbrand mit sich führen würde. Der Prinz gab der festen Ueberzeugung Ausdruck, daß der Krieg lokalisiert bleiben werde.
Ministerrat in Paris
(Telegramm unseres Korrespondenten.)
Paris, 28. Juli.
Der stellvertretende Minister des Aeußern Bienvenu-Martin hat heute früh mit dem deutschen, dem österreichischen und dem russischen Botschafter konferiert. Die Minister versammelten sich vormittags zu einer Konferenz, an der auch Herr Delcassé teilgenommen hat. Im Laufe des Nachmittags wird wieder ein Ministerrat stattfinden. Die sozialistischen Deputierten haben heute mittag einen Schritt am Quai d’Orsay unternommen, um Erkundigungen über den Zustand der Krise zu erhalten. Minister Bienvenu-Martin hat den Deputierten erklärt, daß der Schritt des deutschen Botschafters ganz spontan und von großer Höflichkeit war. Die Demarche hätte nur einen informatorischen Charakter. Der Minister fügte hinzu, man dürfe diesen Besuch nicht anders auslegen. Herr v. Schoen habe gesagt, daß Deutschland sich friedlich zu zeigen wünsche und im Prinzip und unter gewissen Vorbehalten den Vorschlag Englands annehme. Die sozialistischen Deputierten fragten Herrn Bienvenu-Martin, ob es nicht nötig wäre, die Kammer einzuberufen. Der Minister antwortete, daß diese Einberufung ihm nicht opportun scheine. An der Börse waren heute mittag Gerüchte verbreitet, daß Rußland ein Ultimatum an Oesterreich geschickt habe, in dem es die Räumung Belgrads innerhalb 48 Stunden verlange. Obwohl diese unsinnigen Gerüchte dementiert wurden, hatten sie doch eine große Deroute zur Folge. Die Börse war übrigens mit starkem polizeilichen Schutz versehen, um jeden Zwischenfall zu verhindern. Der Petersburger Korrespondent des „Temps“ telegraphiert, daß er die absolute Festigkeit der russischen Regierung versichern könne. Alle Maßregeln, die die Situation verlange, seien getroffen.Es heißt, daß der Unterstaatssekretär im Ministerium des Aeußern Abel Ferry heute abend nach Dünkirchen reisen wird, um den dort morgen früh eintreffenden Präsidenten Poincaré sowie den Minister des Aeußern Viviani zu empfangen.
Köln, 28. Juli.
Die „Kölnische Zeitung“ meldet aus Berlin: Der Pariser „Temps“, der neuerdings in allem, was Deutschland betrifft, einen besonderen Erfindungsreichtum verrät, meldet aus Petersburg: In dortigen gut unterrichteten Kreisen verbreitet sich die Nachricht, Kaiser Wilhelm habe nach Petersburg eine Depesche geschickt, die vor einer Intervention Rußlands in dem österreichisch-serbischen Streit warne. Dieser Schritt wird als eine tatsächliche Einmischung betrachtet, aus welche Rußland durch Vorbereitung zu einem etwa auswachsenden Streite antworte. Lediglich, weil es sich hier um einen Versuch handelt, in dem Verhältnisse zwischen Deutschland und Rußland zu hetzen, sei festgestellt, daß ein derartiges Telegramm des Kaisers nach Petersburg nicht abgegangen ist.
Der serbisch-montenegrinische Aufmarsch.
Oberbefehlshaber Kronprinz Alexander und Wojwode Putnik
Wien, 28. Juli. (W. T. B.)
Die „Militärische Rundschau“ meldet: Die im Raume bei Semendria versammelt gewesenen serbischen Truppenteile sind in südlicher Richtung im Morawatal, vermutlich gegen Svilajnaz abmarschiert. Unmittelbar an der Donau stehen nur schwächere Kräfte, darunter der Landsturm. Die Truppenansammlungen bei Valjewo und Uzice dauern fort. An der Drina werden bei Leschnica und südlich bei Bajina Baschta starke Freiwilligenabteilungen, auch reguläre Truppen gemeldet. Die neuformierte Division von Novibasar ist über Sjenica an den Lim vormarschiert. In der Gegend bei Prjepolje steht eine montenegrinische Brigade mit Gebirgsartillerie. Ueber weitere Truppenbewegungen Montenegros ist nichts Authentisches bekannt. An einigen Orten errichten die Montenegriner Verschanzungen; bei dieser Arbeit helfen Hunderte von Frauen mit. Die Truppen, die in Neuserbien bei Stip nächst der bulgarischen Grenze gestanden hatten, sind mit der Bahn nach Norden gebracht worden. Einige serbische Flußdampfer und requirierte Handelsschiffe, die in Eile als Minenleger eingerichtet worden sind, haben versucht, an gewissen Punkten der Donau und der Save Flußminen zu legen. Diese Versuche sind bisher völlig gescheitert. Einzelne serbische Militärflieger unternehmen Erkundigungsflüge längs der Grenze. In Podgoritza ist ein höherer serbischer Generalstabsoffizier angekommen: er hatte mit dem montenegrinischen Kriegsminister eine Besprechung. Das serbische Armeeoberkommando ist bereits gebildet worden. Als Oberbefehlshaber fungiert der Kronprinzregent, als militärischer Berater des Kronprinzen und Chef des Generalstabes der Operationsarmee wird General Putnik fungieren.
Wien, 28. Juli.
Nach in Semlin eingetroffenen Nachrichten sollen die Zustände in der serbischen Armee sehr schlecht sein und namentlich die Verpflegung der Truppen leiden. Es heißt, in der Barbar-Armee sei eine Meuterei ausgebrochen. In Belgrad selbst hätte es angeblich Straßenkämpfe mit dem Pöbel gegeben. Zahlreiche südslawische Blätter erklären, daß Südslawen in Oesterreich Ungarn treu zur Monarchie halten. Das Blatt „Slowenei“ sagt, die Slowenen werden dem Rufe des Kaisers wie ein Mann folgen. Der .Srbobran‘ schreibt: „Wir Slowenen müssen ehrlich unsere Staatsbürgerpflichten erfüllen.“
Kein Nachgeben Serbiens.
(Telegramm unseres Korrespondenten.)
Wien, 28. Juli.
Heute waren hier wieder Gerüchte verbreitet, daß Serbien in letzter Stunde nachgebe. Alle diese Gerüchte sind, wie ich an informierter Stelle erfahre, ganz unbegründet.
Die Friedenskundgebung der Berliner Arbeiterschaft.
In 27 Versammlungen protestierte gestern abend die Sozialdemokratie gegen den Krieg. Der Besuch war überall stark, doch verliefen die Versammlungen selbst ruhig. Die Polizei hatte umfassende Vorkehrungen getroffen. Alle dienstfreien Beamten waren zum Dienst hinzugezogen worden, doch verhielt sich die Polizei anfangs zurückhaltend. Die Redner in den Versammlungen ergingen sich durchweg in Angriffen auf Oesterreich, dem sie allein die Schuld an den kriegerischen Verwicklungen zuschrieben. Die Versammlungen nahmen zum Schluß eine entsprechende Resolution an.
Neue Demonstrationen Unter den Linden.
Unter den Linden stauten sich gestern abend ungeheure Menschenmassen aus, die sich in ihrer Zusammensetzung wesentlich von denen der vorhergehenden Abende unterschieden, deren Verhalten jedoch mindestens ebenso friedlich war. Es waren nämlich zum erstenmal Arbeiter in größerer Zahl erschienen, die sich an einzelnen Stellen zu geschlossenen Trupps zusammenfanden und Hochs auf den Völkerfrieden und auf die internationale Sozialdemokratie ausbrachten. Besonders dicht war das Gedränge an der Ecke der Friedrichstraße. Hier standen vor Café Bauer und der Hopfenblüte größere Trupps Studenten, die patriotische Lieder sangen, worauf die Arbeiter mit der Arbeitermarseillaise antworteten. Doch verhielt man sich auf beiden Seiten reserviert, so daß es nicht zu Tätlichkeiten kam. Um 10 Uhr setzte eine große Arbeiterdemonstration ein, worauf gegen ½ 11 Uhr eine Gegendemonstration folgte. Die Polizei, von der Unter den Linden allein 130 berittene Schutzleute postiert waren, blieb ruhig und drängte nur gelegentlich die Massen zur Seite, besonders vor der russischen Botschaft. Der Zurückhaltung der Schutzmannschaft ist es auch mit zu verdanken, daß es hier nirgends zu Tätlichkeiten kam. So zogen denn die verschiedenen Trupps die Linden entlang: während die einen „Hoch der Weltfriede!“ und „Hoch die Internationale!“ riefen, antworteten die anderen mit „Hoch die Nationale!“ Die Arbeiter erklärten, es komme ihnen nur darauf an, eine Demonstration für den Weltfrieden und eine friedliche Gegendemonstration gegen das Kriegsgeschrei der sechzehnjährigen Jungens zustande zu bringen. Auch durch die Leipziger Straße zogen mehrere Trupps Arbeiter, die Hochs auf den Weltfrieden ausbrachten — Gegen 12 Uhr nachts wurde das Gedränge in der Friedrichstraße und Unter den Linden so groß, daß ganze Teile der Straßen, insbesondere die Linden von der Friedrichstraße bis zum Brandenburger Tor und der anderen Seite bis zum Schloß abgesperrt wurden. Die Menge konnte sich infolgedessen weder vorwärts noch rückwärts bewegen.
Kurz nach 11 Uhr kam von der Friedrichstraße her ein etwa 1500 bis 2000 Mann starker Zug von Demonstranten die Kochstraße entlang bis zur Jerusalemerrkirche und wollte dann rechts zum Gebäude des „Vorwärts“ ziehen. Die Menge brach ständig in Hochrufe auf die Sozialdemokratie aus. Kurz vor dem Gebäude des „Vorwärts“ hatte schon ein starkes Schutzmannaufgebot die Lindenstraße gesperrt, so daß der Zug bis zur Hauptfeuerwache in der Lindenstraße zurückgedrängt wurde. Nun versuchte die Menge auf der anderen Seite der Jerusalemerkirche neuerdings einen Durchbruch zum „Vorwärts“. Die Polizei war diesem plötzlichen Ansturm gegenüber genötigt, blank zu ziehen und trieb die Menge im Sturmschritt die Kochstraße entlang zurück bis der Zug in die Markgrafenstraße einschwenkte. Hierbei wurden zahlreiche Personen durch Säbelhiebe verletzt die jedoch von ihren Genossen mitgenommen wurden, um ein polizeiliche Feststellung zu verhindern.
Zusammenstöße am Königstor.
Zu heftigen Zusammenstößen zwischen den Demonstranten und der Polizei kam es am Königstor. Dort war die Straße schon vor Beginn der Versammlungen durch eine Schutzmannskette belegt. Vor und in der Brauerei Friedrichshain stauten sich die Menschenmassen. Wohl 7000 Personen füllten den Saal und den Garten, und viele Hunderte hatten am Friedrichshain Aufstellung genommen. Hier hielt sich die Polizei im Hintergrund und überließ die Aufrechterhaltung der Ordnung den Arbeitern selbst. Noch tagte diese ruhig verlaufene Versammlung, als von der Friedenstraße her wohl 2000 Personen, die der Versammlung in der Koppenstraße beigewohnt hatten, anrückten, um sich mit den Massen im Friedrichshain zu vereinen. Die Polizei hatte versucht, die Demonstranten vom Zuge nach dem Friedrichshain ab zuhalten, hatte auch einen Teil nach der Großen Frankfurter Straße gedrängt und dann die Palisadenstraße abgesperrt. Als dann der Zug durch Nebenstraßen dem Königstor zustrebte, eilten die Schutzleute vom Landsberger Tore im Laufschritt nach dem Königstor um dort die Schutzmannkette zu verstärken. Nach Beendigung der Versammlung in der Brauerei Friedrichshain setzte sich dann der etwa 10000 Personen fassende Zug nach dem Königstor zu in Bewegung. Mehr als fünfzig Schutzleute hemmten hier den Marsch. Es entstand ein ununterbrochenes Rufen: „Nieder mit dem Krieg! Hoch die Sozialdemokratie!“ Als die hinteren Reihen nach vorn drängten und auch Schmährufe gegen die Polizei laut wurden, ging ein Teil der Schutzleute mit blanker Waffe vor und hieb ein. Hierbei wurde auch eine große Spiegelscheibe des Zigarrenladens von einem Säbel zertrümmert. Es gelang auch, den größten Teil der Demonstranten über den Prenzlauer Berg nach dem Prenzlauer Tor hin zu drängen. Viele aber eilten in die Greifswalder Straße zurück und bestiegen dort die ankommen Straßenbahnwagen und Kraftomnibusse. So gelangt sie unter Hochrufen durch die Absperrung, um an der nächsten Haltestelle wieder abzusteigen und sich hier wieder zu sammeln. In einigen Fällen wurden Schreier, die Verwünschungen gegen die Polizei ausstießen, von den elektrischen Wagen herabgeholt und verhaftet. Auch sonst kamen mehrfache Verhaftungen vor. Etwa 500 Menschen, die länger als eine Stunde den Weisungen der Polizeioffiziere, wegzugehen, nicht folgten, wurden schließlich nach der Greifswalder Straße zurückgedrängt. wo sie sich zerstreuten.

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