Kurts 1662 Tage

– ein Tagebuch aus dem 1. Weltkrieg

1/2 2 Uhr morgens erwache ich. Weil ich vor Kälte nicht mehr einschlafen kann, mache ich mir im vorderen Zimmer Feuer und räume die letzten Kleinigkeiten zusammen, welche ich auf die Wagen auf dem Markt bringe. Hier herrscht, trotz des frühen Morgens bereits reges Leben. Vor der Revierstube stehen zwei eroberte französische
15,5 cm Geschütze, welche ihren Erbauern jetzt selbst zum Verderben werden. 3/4 4 rücken wir durch den Bahnhof nach Val, wo das Regiment sammelt. Dieses herrlich gelegene Dorf macht mit seinen unbewohnten Häusern einen recht traurigen Eindruck. Von hier geht es im Grunde über Saussenrupt mit seiner Schneidemühle, welche unseren Patrouillen, oft verderben brachte, nach Saint Sauveur. Vor uns fallen die ersten Gewehrschüsse. Je mehr wir in den Wald hinein kommen, desto winterlicher wurde das Bild. Von 7-8 stand ich Posten um die Bagage vor einem Überfall durch feindl. Patrouillen, die sich etwa im Gehölz verborgen hatten, zu bewahren. Unsere Artillerie griff in das zur Entwickelung gekommene Gefecht ein. Pfeifend zogen die Geschosse über unsere Köpfe, das Infanteriefeuer wurde lebhafter. Bald kommen, die ersten leicht Verwundeten zurück. Die Krankenträger rückten mit der Trage vor. Gegen 10 rückten auch wir weiter vor. Schweigend stampften wir im tiefen Schnee vorwärts. Die Vernunft will nicht begreifen, warum sich die Menschheit in der Pracht der herrlichen Gottesnatur, gegenseitig mordet anstatt gemeinsam, die Schönheit dieses schneebeladenen Tannenwaldes zu bewundern, zu genießen. Am jenseitigen Ausgang des Waldes fanden, wir die Burschen mit den Offizierspferden, welche beim Verlassen
des Waldes befeuert worden waren und sich zurückgezogen hatten. Die Artillerie schaffte sich durch Baumfällen Schußfeld. In mitten ausgeschwärmter Schützenlinien gingen wir auf der freien Straße nach Angomont. Der Gegner konnte keine Artillerie hier haben, sonst würde er uns befeuert haben. Aus Angemont hatte der Gegner heute morgen geschossen, an der Straße lag ein durch Kopfschuß verwundeter Kamerad von der 4. Kompagnie, kurz nach Einlieferung ins Feldlazarett erlag er seiner Wunde. In Angemont blieben wir bis zum Abend, während jenseits der Höhe der Kampf tobte dann ging es vorwärts in das Tal, wo wir Essen an die Kameraden abgaben aus der Feldküche. Zahlreiche Verwundete, kehrten zurück. Die 9. Jäger brachten 2 Zivilisten, deren kräftige Gestalten, Fuss und Beinbekleidung die Franz. Soldaten verriet. Im Keller eines Hauses wurde ein Franzose entdeckt und gefangen. Das Bayerische Landwehrbatl. 5 suchte alle Häuser ab. Über dem zurückliegenden Walde beobachte ich 2 offenbar gegnerische, kämpfende Flieger, zuletzt geht 1 nach der franz. Seite im Gleitflug nieder. Mit Trauer empfangen wir die Nachricht, daß unser beliebter ehemaliger Befehlshaber, Utffz. Leuschner, gefallen ist. Sold. Löser wurde durch einen Granatsplitter leicht verwundet. Die verirrten Kugeln schlugen auch hinter der Höhe ein. Bei einer Besorgung im Feldlazarett patschte eine neben mir ins Gebüsch. Bis 10:0 abends warteten wir auf die Feldküche im Grunde, und kehrten, dann nach Angemont zurück, wo wir in einer verlassenen Stube ein Nachtlager, auf Stroh fanden. Wir dankten unserem Gott, daß wir unter Dach und Fach waren, während unsere Kameraden, angesichts des Feindes im freien nächtigen sollten. Es war eine kalte Vollmondnacht zwischen unseren Kameraden am Waldhange und dem Gegner lag nur noch eine etwa 100 m breite Wiese, welche durch Stolperdrähte und zahlreiche Drahtzäune ungangbar gemacht worden war. Der Feind hatte hier seine Hauptstellung. Während der Nacht wurde diesseits geschanzt, um einem etwaigen Gegenangriff am Morgen standhalten zu können. Ich schlief nach dem bewegten Tage sehr fest.

Eine Antwort zu „Sonnabend, den 27. Februar 1915“

  1. […] Unser Gärtner Gretzchel schmückt die Gräber der gefallenen Kameraden (Utffz. Leuschner, Wolf, Gefr. Nagel, Gren. Bodenschatz, Sold. Burghardt, Utff. Schulze) mit grünen Kränzen.Ich […]

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