Kurts 1662 Tage

– ein Tagebuch aus dem 1. Weltkrieg

Der Morgen war angebrochen, der Feldwebel kam nicht, der Regen ließ nach und ich wartete noch immer. Als es mir zu lange währte, ging ich mit meiner Kiste zu dem in einem Waldwege haltenden Packwagen. Mit unserem Schuhmacher Gfr. Knorr, weckten wir Burger, welcher die Kiste aufpackte. Dies war noch nicht lange geschehen, so kam Uffz. Wolf und brachte den Befehl, die Bagage rückt sofort ab. Schnell waren die Geschirr zur Hand und es ging über Neuf Étang nach St. Remy, vorbei an der zerschossenen Kirche mit der zertrümmerten Nachbarschaft und von da nach Étival. dort schrieben Burger und ich in einer Stube, die uns von früher bekannt war, Verlustlisten.

Bei dieser Arbeit hatten wir das Abfahren unserer Wagen nicht bemerkt
und diese hatten vergessen, uns zu benachrichtigen, sodaß wir mit unserer Kiste festsaßen. Leider konnten wir auch nicht erfahren, wo die Bagage hingefahren war. Dieser nacheilend trugen wir die ziemlich schwere Kiste durch Étival, wo die Sanitätsmannschaften die als Lazaret hergestellte Kirche räumten, immer weiter auf der granatengerissenen Straße nach Clairefontaine, wo wir die Kiste auf dem Wagen der Sanitätskompagnie unterbrachten. Diese hatte Raon-l’Étape zum Ziel, doch wir hatten
keine Ahnung, ob unsere Wagenkolone auch dorthin sei. Als ich ein Fahrrad erhalten konnte, fuhr ich voran durch Raon-l’Étape , welches ein Bild furchtbarster Zerstörung durch Granaten und Feuersbrunst bot, nach Clairupt zu und war glücklich, endlich unseren Lebensmittelwagen zu erreichen. Ihnen gab ich meinen schweren bis jetzt getragenen Tornister ab, und kehrte zurück. Nach ½ stündiger Fahrt war ich glücklich wieder bei der Sanitätskolone und erfreute Feldwebel Winkler mit der Nachricht vom richtigen Weg. Im Weitervormarsch kam ich nun wieder durch Raon-l’Étape . In dieser großen Stadt sind etwa 50% aller Häuser vernichtet. Große Warenhäuser, das Rathaus, Mietskasernen alles ist zertrümmert. Es muß ein furchbarer Artilleriekampf um den Ort getobt haben. Vorüber an ehemaligen Franz. Schützengräben, an vernichteten Bahngleisen gelangten wir nach Bertrichamps, wo wir nach rechts in den Wald abbogen, hier wurde ein längerer Halt zum Mittagessen gemacht, während welchem man einen unterwegs verstorbenen Verwundeten beerdigte.

Indem wir weiter gingen begann es heftig zu regnen. Mitten im Walde bei La Baraque stießen wir auf Uffz. Scholz mit seinem Gefährt und blieben bei ihm. Ein am Biwackfeuer soeben gekochter Tee mundete nach der Durchnässung vorzüglich. Vor uns stand die Feldpost. Wir hatten uns in einer Scheune des vor uns liegenden Dorfes bereits zur Ruhe gelegt, als die Fahrt im Dunkel der Nacht weiter ging, bergauf, bergab vorbei an einem Fliegerschuppen, im Galopp, dann weiter lange stockend, nach St. Pôle, dort war die ganze Divisionsbagage versammelt. Die am Tage zurück gelegte Strecke betrug etwa 35-40 km. Auf dem Kutschbock des Wagens sitzend schlief ich morgens 4 noch ein wenig ein.

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