Kurts 1662 Tage

– ein Tagebuch aus dem 1. Weltkrieg

Handschriftlich in Sütterlin: Sonnabend, den 5. September 1914

Morgens 30 kamen wir nach der nächtlichen Irrfahrt in Hurbache wieder an und legten uns zu einer kurzen Ruhe in die bekannte Scheune.

Um 10 mittags erhielten wir Befehl zur Kompangie zu kommen und rückten ab. Wir mußten auf dem uns bekannten Wege über St. Michel noch über Bréhimont hinausfahren und fanden die Kompangie an einem Waldrande in Ruhe neben den zugsweise zusammengesetzten Gewehren. Ringsum lagen viele Tote. Neben einem alten Massengrab von 1870 [Deutsch-Französischer Krieg] errichteten andere Truppen wieder ein neues, in Wagen wurden unsere gefallenen Kameraden dort zusammengefahren.

Die Kompagnie hatte gestern, das Dorf Les Feignes im Sturme genommen, darüber gab nur folgender Kameradenbericht Auskunft.

Gegen 100 vorm wurde der Vormarsch in der Brigade in Richtung auf Les Feignes angetreten. Das Batl. entwickelte sich halbzugsweise gegen einen Gegner der das Dorf Les Feignes und den kleinen Jumeau besetzt hatte die 1. Komp. kam an letzter Stelle des Batl. zur Entwickelung und ging unter starken feindlichen, rechts und
links flankierenden Infanteriefeuer halbzugsweise zum Angriff vor. Der Angriff wurde mit dem Sturm auf das Dorf Les Feignes durchgeführt, und die von den Franzosen verlassene Stellung gegen 60 abend genommen.

Die Komp. erhielt den Befehl, über die Höhe des kleinen Jumeau vorzugehen und mit dem Batl. in dem Dorfe Le Jumeau [Les Jumeaux ist die richtige Bezeichnung] zusammenzutreffen. Auf der Höhe des Jumeau traf die Komp. Teile des 14. und 28. Jägerbatl. die rechts von uns zum Angriff angesetzt gewesen waren. Zunächst wurde die Südseite des Jumeau noch von feindl. Artillerie beschossen, das Feuer aber bald eingestellt, worauf die Komp. in später Stunde auf dem südl. Abhange herunterrückte, sich mit dem Batl. vereinigte und Biwack bezog.
Verluste: 4 Tode 23 Verwundete 7 Vermißte.

Nachdem wir neben diesem erfreulichen Erfolge der Komp. auch die Namen vieler
Kameraden hörten, denen das tückische Eisen den Tod oder schmerzvolle Verwundung brachte, machten wir unsere Bestände zur Verausgabung fertig. Feldwebel Winkler, der die beiden letzten Gefechte mitmachte, kam zu mir und wir gaben, die Löhnung aus.

Beim Verlesen der Namen waren leider mir allzuviele, die nicht mehr hier weilten, sondern in kühler Erde ihre letzte Ruhe gefunden oder zur Heilung ihrer Wunden in einem Lazarett Aufnahme gefunden hatten. Die Kompagnie bestand, aus nicht mehr 100 Mann und war mit dem Reste der 2. Komp. aufgefüllt worden, welch letztere ihren Führer Oberleutnant Uhlig, der verwundet wurde, verlor, das Batl. bestand nur aus drei Kompangien die Verwaltung der Mannschaften der ehemaligen 2. Komp. blieb getrennt.

Lebhaft wurde allgemein der gefallene Grenadier Weigelt bedauert. Dieser hatte, als Freiwilliger den Bulgarisch-Türkischen Krieg [wahrscheinlich die Balkankriege 1912/13] mitgemacht und eine bulgarische Auszeichnung erhalten. Jetzt trat er durch forsches, mutiges Draufgängetum vor. Beim Sturm auf St. Michel, nahm er einen Franz. Hauptmann gefangen und nun weilte er nicht mehr unter den Lebenden.

Nachdem wir die Kameraden mit Geld und Nahrungsmitteln versorgt, fuhren wir auf die Straße St. Michel La Voivre zurück, wo wir im Freien übernachteten.

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