
Als wir bei Morgengrauen erwachen, war der erste Gedanke: sind wir bald am Rhein. Auf der ersten Station erkundigten wir uns im Vorüberfahren beim Bahnwärter, und
erhielten die Nachricht, daß wir vor etwa 20 Minuten über die Rheinbrücke gefahren seien. So waren wir also im Schlafe über diesen meistbesungenen deutschen Strom, befördert worden, den wir vor Überschreitung durch freche Gegner bewahren sollten. Bald hatten wir Straßburg, erreicht, wo wir noch ein letztes mal mit Liebesgaben bewirtet wurden. Auf dem Bahnhof standen dicht gedrängt viele Zivilpersonen, welche aus Furcht vor einer Belagerung der deutschen Festung ins innere Deutschlands flüchteten. Viele in unserer Mitte lachten über dieses Beginnen; doch, konnte es nicht auch einen ernsteren Grund haben? Der letztere Gedanke überwältigte mich mehr und mehr, als ich beim Verlassen des Weichbildes von Straßburg sah, daß hunderte von dazu eingezogenen Landstürmern ohne Waffen, in Zivil damit beschäftigt wurden, Schützengräben und Drahtverhaue anzufertigen. Waren dies alles nur Maßregeln der
äußersten Vorsicht, oder lag eine nahe Gefahr vor? Wir wussten nichts. Um 10 Vormittags erreichten wir Mutzig wo wir den Zug verließen, um einen langen Marsch anzutreten. Das seit gestern regnerische Wetter klärte sich wieder auf. Über Dorlisheim, Altorf, Düttelnheim, Düppigheim, Entzheim gelangten wir in 4 stündigem Marsch nach Geispolsheim, wo wir Quartier bezogen. Unterwegs waren wir zahlreichen marschierenden Infanterie und Artilleriekolonien begegnet. Die Bewohner sprachen hier ausschließlich französisch, deutsch nur brockenweise. In den mitgeführten 3 großen Blechkesseln wurde zugsweise abgekocht. Konservenerbsen u. -fleisch. Wir
bezogen mit dem Feldwebel eine Unterkunft. Letzterer erhielt ein Bett. Burger und ich schliefen in der Scheune. Über eine Leiter gelangten wir in eine versteckte Ecke, wo wir auf unseren Mänteln mit dem geladenen Gewehre zur Hand unser Nachtlager fanden.
Die Ortsausgänge wurden mit Wachen gegen den Feind besetzt. Als wir gegen Abend zur Dienstausgabe angetreten waren, überflogen 2 Flieger unseren Ort. Als sich plötzlich etwas vom Apparat loslöste, glaubten wir es seien feindl. Bombenwerfer, doch waren es nur die Erkennungssignale eigener Flieger. Nach Eintritt der Dunkelheit beleuchteten die Scheinwerfer von Strasburg den schwarzen Horizont, um etwa nahende feindl. Flugzeuge und Luftschiffe rechtzeitig zu erkennen. Es war ein schauerliches Bild.
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