Kurts 1662 Tage

– ein Tagebuch aus dem 1. Weltkrieg

Einer der schönsten Tag im Sommer hatte begonnen, als uns unser bisheriger, Friedenshauptmann von Schweinitz auf den Kasernenhof kommen ließ und uns so, wie jeder zufällig bekleidet war, auf der Treppe zur Maschinengewehrkompagnie photographierte. Mit Tränen in den Augen verabschiedete er sich sodann von
seiner Kompagnie, um sein Kommando als Adjutant anzutreten. Er versprach jedem, der nach dem Kriege zu ihm kommt ein Bild falls ihm selbst eine Heimkehr vergönnt sein sollte. Hierauf wurde ich in das neu eingerichtete Geschäftszimmer des Ersatz-Bataillons 100 geschickt wo ich die Kriegsfreiwilligen zur ärztlichen Untersuchung führen mußte. Es waren hauptsächlich Studierende der tierärztlichen und technischen Hochschule, und junge Kaufleute. Noch auch alle anderen Berufe waren vertreten. Selbst verheirate Leute von über 30 Jahren boten sich hier dem Vaterlande freiwillig an. Die Zahl der Freiwilligen war so groß, daß ein großer Teil wieder nach Hause geschickt wurde mit dem Rate sich später wieder zu stellen. Ich führte in 2 Stunden 2 Abteilungen
von je 60 Mann zur Untersuchung. Über den ganzen Kasernenhof waren Tische verteilt, welche durch Schießstandschutzschirme gegen Sonne und Wind geschützt den Kompagnien zur Aufnahme ihrer Reservisten dienten. Von dort aus wurden diese in die Reviere geführt. Ich konnte unter den zum Heere eilenden manchen alten Bekannten begrüßen. So z. B. meinen Nachfolger bei der D. B., Herrn Zettel, und den Portier der D.B.
Auch Herr Göpfert, mein Rekrutenfeldwebel, trat wieder ein und zwar, als etatmäßiger Feldwebel zum Grenadier-Landwehrregiment 100. Um 10 Uhr meldete ich mich beim stellv. Regimentsschreiber mit allen designierten Utffz. und Mannschaften vor dem westl. Flügel. Ich wurde der 1. Kompagnie des immobilen Ersatz-Bataillons zugeteilt. Außer mir kam dazu 1 Spielmann als Batt. Tambour (Schwarze) 2 Utffze, die die Funktionen eines Schießers (Schramm) und eines Kammerutff. (Hösel) übernehmen mußten, und ein Vizefeldwebel (Winkler) welcher noch am Nachmittag durch Regimentsbefehl zum Feldwebel befördert wurde. Ich hatte ihn bisher nur, vom Ansehen gekannt und hatte den Eindruck, als ob mit ihm nicht gut Kirschen essen sei. Doch ich hatte mich getäuscht. Als wir von der Einteilung weggetreten waren, packte er mich am Waffenrockknopf an und erkundigte sich nach meinem Zivilberufe. Auf meine Antwort eröffnete er mir, daß dies recht gut klappe, er wolle mich als Schreiber nehmen. Darüber war ich recht erfreut brauchte ich mich doch nicht ein zweites Mal mit der Ausbildung von Rekruten mit ihren Ärgernissen befassen und auch keine Wache mitzumachen, außerdem blieb ich mit der Feder besser vertraut. Feldwebel Winkler führte mich in seine Stube No 200, wohin ich auch meine noch bei der 8. Kompagnie befindlichen Sachen räumte, damit ich immer zur Stelle war, denn sehr bald kamen die ersten uns zugeteilten Reservisten. Es ging aber sehr langsam und wir waren schon erfreut, daß wir nicht mehr Arbeit bekommen hatten. Ich wollte um 7 Uhr einmal zu meiner alten Kompagnie gehen, als plötzlich in großen Massen die mit den Abendzügen aus dem Vogtlande und dem oberen Erzgebirge eingetroffenen Leute kamen. Jetzt
wurde es schwer all die Arbeit zu bewältigen. Ich saß und schrieb mir immer die Namen auf nahm die Pässe und Nationalen ab und verteilte die Quartiere: Unsere Leute
wurden alle auf der Holbein, und Tittmannstraße einquartiert. Neben mir stand Feldw. Winkler, beaufsichtigte den Betrieb und hatte nur immer zu reden, daß mich die Eingetroffenen nicht mit samt dem Tische über den Haufen drängten, denn jeder wollte am liebsten zuerst und so schnell wie möglich einen Quartierzettel haben. Im gleichen Zimmer saß, Feldwebel Fischer mit seinem Schreiber und nahm die Leute für die zweite
Kompagnie in Empfang. Dieser fuhr des öfteren Leute, welche sich schwerfällig stellten, in scharfen Ton an und war, weiter von der Tür entfernt, was zur Folge hatte, daß sich viele der ihm zugewiesenen Leute von uns einschreiben liesen, sodaß wir zuletzt sehr viel Leute mehr hatten. Weil die Quartierbescheinigungen ausgingen mußten wir viele Leute zu Verwandten schicken, andere verbrachten die Nacht in der ersten besten Ecke auf dem Schlafsaal, ja sogar auf Fensterbrettern sitzend. Erleichtert atmeten wir auf, als um 2 Uhr nachts, der letzte Mann abgefertigt war. Ein Quartier konnten wir um diese Zeit nicht mehr aufsuchen und so schlief ich in dem unbelegten Bett in Feldwebel Winklers Stube nach der anstrengenden Arbeit ganz besonders gut.

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